Taubblindheit

Taubblindheit bedeutet, dass Hören und Sehen gleichzeitig stark beeinträchtigt sind. Taubblinde Menschen können den Ausfall des einen Sinnes nicht über den anderen ausgleichen. Deshalb gilt Taubblindheit als eigene Behinderung und nicht als Summe aus Hörbehinderung und Sehbehinderung. Viele Betroffene haben noch einen Rest an Hör- oder Sehvermögen. Sie werden oft als hörsehbehindert bezeichnet. Fachleute sprechen deshalb meist von Taubblindheit und Hörsehbehinderung.

Auf dieser Seite erfährst du, welche Arten von Taubblindheit es gibt, welche Kommunikationsformen taubblinde Menschen nutzen und wie Taubblindenassistenz im Alltag unterstützt.

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Was ist Taubblindheit?

Wer nur taub ist, nimmt Informationen über die Augen auf, etwa über Zeichensprache, die fachlich korrekt Gebärdensprache heißt. Wer nur blind ist, nutzt das Gehör und die Lautsprache. Bei Taubblindheit fallen beide Wege weg oder funktionieren nur noch eingeschränkt. Informationen müssen dann über den Tastsinn kommen, über Reste des Hörens oder Sehens oder über eine Person, die vermittelt.

In Deutschland ist Taubblindheit seit dem 30. Dezember 2016 als eigene Behinderung im Schwerbehindertenrecht anerkannt. Seitdem gibt es im Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen TBl. Welche Voraussetzungen dafür gelten, regelt die Versorgungsmedizin-Verordnung. Wie viele taubblinde und hörsehbehinderte Menschen in Deutschland leben, ist nicht genau erfasst. Die Schätzungen gehen weit auseinander, weil viele Betroffene, vor allem ältere Menschen, nie als taubblind erkannt werden.

Wer von Taubblindheit spricht, meint nicht immer vollständige Taubheit und vollständige Blindheit. Im Bereich Taubblindheit reicht das Spektrum von Menschen mit Restgehör und eingeschränktem Gesichtsfeld bis zu Menschen, die weder hören noch sehen. Eine allgemeine Übersicht zum Leben taubblinder Menschen findest du auch im Glossar unter taubblind.

Arten von Taubblindheit

Wann und wie Taubblindheit entsteht, prägt die Kommunikation und den Alltag stark. Fachleute unterscheiden vor allem nach dem Zeitpunkt.

Angeborene Taubblindheit

Das Kind kommt taubblind zur Welt oder wird es in den ersten Lebensjahren, bevor sich Sprache entwickelt hat. Kommunikation entsteht dann über Berührung, Bewegung und feste Routinen. Frühe Förderung ist hier besonders wichtig.

Erworbene Taubblindheit

Hören und Sehen gehen im Laufe des Lebens verloren, nacheinander oder gleichzeitig. Die Betroffenen haben bereits eine Sprache, etwa Deutsch oder Deutsche Gebärdensprache, und passen ihre Kommunikation an.

Zuerst taub, später blind

Viele taube Menschen, die mit Gebärdensprache aufgewachsen sind, verlieren später ihr Sehvermögen, häufig durch das Usher-Syndrom. Sie wechseln dann von visuellen zu taktilen Gebärden.

Hörsehbehinderung im Alter

Mit dem Alter lassen Hören und Sehen bei vielen Menschen gleichzeitig nach. Daraus kann eine Hörsehbehinderung entstehen, die oft unerkannt bleibt, weil sie schleichend kommt.

Ursachen von Taubblindheit

Die häufigste genetische Ursache ist das Usher-Syndrom. Betroffene kommen schwerhörig oder taub zur Welt. Später verlieren sie durch eine Netzhauterkrankung, die Retinitis pigmentosa, nach und nach ihr Sehvermögen. Zuerst wird meist das Sehen bei Dämmerung schlechter, dann engt sich das Gesichtsfeld ein, bis ein Tunnelblick bleibt.

Eine weitere genetische Ursache ist das CHARGE-Syndrom. Es betrifft mehrere Organe und führt oft schon bei der Geburt zu Hör- und Sehbeeinträchtigungen. Früher war auch eine Rötelninfektion in der Schwangerschaft eine häufige Ursache für angeborene Taubblindheit. Seit es die Impfung gibt, ist das selten geworden.

Erworbene Taubblindheit kann außerdem durch Hirnhautentzündung, Unfälle, Tumore oder andere Erkrankungen entstehen. Im Alter ist die Kombination aus Schwerhörigkeit und Sehbehinderung der häufigste Weg zur Hörsehbehinderung.

Kommunikationsformen taubblinder Menschen

Taubblinde Menschen nutzen viele verschiedene Kommunikationsformen. Welche passt, hängt davon ab, wann die Taubblindheit entstanden ist, welche Sprache die Person zuerst gelernt hat und wie viel Hör- und Sehvermögen noch vorhanden ist. Oft werden mehrere Formen kombiniert.

Taktile Gebärden

Die taubblinde Person legt ihre Hände auf die Hände der gebärdenden Person und ertastet die Gebärden. Diese Form nutzen vor allem Menschen, die vorher Gebärdensprache gesehen haben.

Lormen

Beim Lormen tippt oder streicht man Buchstaben auf bestimmte Stellen der Handinnenfläche. Das Tastalphabet geht auf den österreichischen Schriftsteller Hieronymus Lorm zurück, der im 19. Jahrhundert selbst taubblind wurde.

Taktiles Fingeralphabet

Die Handformen des Fingeralphabets werden in die Hand der taubblinden Person geformt und dort ertastet. So lassen sich Namen und Begriffe buchstabieren.

Gebärden im kleinen Gesichtsfeld

Bei Tunnelblick wird kleiner und mit etwas Abstand gebärdet, damit die Gebärden im Gesichtsfeld bleiben. Gutes Licht und ein ruhiger, einfarbiger Hintergrund helfen dabei.

Haptische Signale

Vereinbarte Berührungen am Rücken, am Arm oder an der Schulter vermitteln Informationen über die Umgebung, etwa wie viele Menschen im Raum sind oder ob jemand lacht.

Brailleschrift

Die Punktschrift wird mit den Fingern gelesen, auf Papier oder über eine Braillezeile am Computer und Smartphone. So haben taubblinde Menschen Zugang zu E-Mails, Messengern und Texten.

Wer mit Restgehör lebt, nutzt oft weiter die Lautsprache, unterstützt durch Hörgeräte oder ein Cochlea-Implantat. Wer bereits Gebärdensprache lernen möchte, um später mit taubblinden Menschen taktil zu kommunizieren, braucht als Grundlage die visuelle Gebärdensprache und das Gebärdensprache Alphabet.

Taubblindenassistenz: Unterstützung im Alltag

Für viele taubblinde Menschen ist Assistenz der wichtigste Zugang zur Umwelt. Taubblindenassistenz verbindet drei Aufgaben, die sonst auf verschiedene Personen verteilt wären.

Kommunikation

Fachkräfte der Taubblindenassistenz übertragen Gespräche in die Kommunikationsform der Person, etwa in taktile Gebärden oder Lormen.

Information

Sie beschreiben, was um die Person herum passiert: wer im Raum ist, wie die Stimmung ist, was auf einem Schild steht.

Begleitung

Sie begleiten zu Terminen, beim Einkaufen oder auf Reisen und unterstützen bei der Orientierung und Mobilität.

Die taubblinde Person entscheidet dabei selbst. Gute Assistenz nimmt ihr nichts ab, was sie selbst machen möchte, und gibt Informationen so weiter, dass sie sich eine eigene Meinung bilden kann. Taubblindenassistenz ist eine eigene Qualifikation. Wer welche Kosten übernimmt, hängt vom Anlass ab, etwa Arbeit, Ausbildung oder Freizeit. In Berlin bietet die manua GmbH, das Team hinter Duomano, Taubblindenassistenz an.

Hilfsmittel für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen

Hilfsmittel ersetzen keine Assistenz, sie schaffen aber im Alltag mehr Selbstständigkeit. Welche sinnvoll sind, hängt vom verbliebenen Hör- und Sehvermögen ab.

Braillezeile

Eine Braillezeile zeigt Text vom Computer oder Smartphone als Punktschrift an. In Verbindung mit einem Screenreader werden so E-Mails, Chats und Webseiten lesbar.

Rot-weißer Langstock

Der Langstock hilft bei der Orientierung. Ein weißer Stock mit roten Streifen zeigt anderen Menschen, dass die Person taubblind ist.

Vibrationssignale

Wecker, Türklingel oder Rauchmelder melden sich über Vibration statt über Ton oder Licht, zum Beispiel über ein Vibrationskissen oder eine Uhr am Handgelenk.

Hörtechnik

Hörgeräte oder ein Cochlea-Implantat können Restgehör nutzbar machen. Für hörsehbehinderte Menschen ist das oft eine wichtige Ergänzung zu taktilen Kommunikationsformen.

Taktile Gebärden bauen auf visueller Gebärdensprache auf. Lerne die Grundlagen der DGS mit Videos von tauben Gebärdenden.

So begegnest du taubblinden Menschen

Mach dich durch eine leichte Berührung an Schulter oder Arm bemerkbar, nicht von hinten überraschend.
Sag oder zeig, wer du bist. Viele taubblinde Menschen erkennen Bekannte an einem vereinbarten Zeichen.
Frag, welche Kommunikationsform die Person nutzt, und richte dich danach.
Sprich mit der Person selbst und nicht nur mit der Assistenz.
Biete deinen Arm zur Führung an, statt die Person zu schieben oder zu ziehen.
Verabschiede dich immer, bevor du gehst, damit die Person nicht ins Leere spricht.

Mythen über Taubblindheit

Über Taubblindheit wissen viele Menschen wenig. Diese Irrtümer begegnen uns am häufigsten.

Mythos: Taubblinde Menschen hören und sehen gar nichts.

Fakt: Viele haben noch Restgehör oder einen Sehrest. Taubblindheit beschreibt ein breites Spektrum von Hörsehbehinderung bis zum vollständigen Ausfall beider Sinne.

Mythos: Taubblindheit ist Taubheit plus Blindheit.

Fakt: Weil kein Sinn den anderen ausgleichen kann, entsteht eine eigene Form der Behinderung mit eigenen Kommunikationsformen und eigenem Unterstützungsbedarf.

Mythos: Taubblinde Menschen können nicht kommunizieren.

Fakt: Mit taktilen Gebärden, Lormen oder Brailleschrift führen taubblinde Menschen Gespräche, schreiben E-Mails und arbeiten in vielen Berufen.

Mythos: Taubblindheit betrifft nur sehr wenige Menschen.

Fakt: Vor allem im Alter sind viele Menschen hörsehbehindert, ohne dass es erkannt wird. Die Zahl Betroffener wird deshalb oft unterschätzt.

Leben mit Taubblindheit

Die größte Gefahr für taubblinde Menschen ist Isolation. Wer Gesprächen nicht folgen kann und ohne Begleitung kaum unterwegs ist, verliert leicht den Kontakt zu anderen. Assistenz, passende Hilfsmittel und ein Umfeld, das die Kommunikationsformen kennt, wirken dem entgegen.

Viele hörsehbehinderte und taubblinde Menschen organisieren sich in Selbsthilfegruppen und Vereinen. Dort tauschen sie Erfahrungen aus, vertreten ihre Interessen und begleiten Menschen, bei denen die Taubblindheit neu ist. Einrichtungen wie das Deutsche Taubblindenwerk in Hannover bieten Beratung, Förderung und Wohnangebote an.

Auch für Angehörige ist die Situation neu. Es hilft, früh Kontakt zu Beratungsstellen aufzunehmen und gemeinsam die Kommunikationsformen zu lernen, die die betroffene Person nutzt. Wenn die taubblinde Person aus der Gehörlosengemeinschaft kommt, ist Deutsche Gebärdensprache dafür die wichtigste Grundlage. Mit einer Gebärdensprache lernen App wie Duomano kannst du die ersten Gebärden üben.

Häufige Fragen zur Taubblindheit

Was ist der Unterschied zwischen Taubblindheit und Hörsehbehinderung?

Bei einer Hörsehbehinderung sind Hören und Sehen beide eingeschränkt, es gibt aber noch nutzbare Reste. Taubblindheit bezeichnet den stärkeren Ausfall beider Sinne. Die Übergänge sind fließend, deshalb werden oft beide Begriffe zusammen genannt.

Wie kommunizieren taubblinde Menschen?

Je nach Person über taktile Gebärden, Lormen, das taktile Fingeralphabet, Brailleschrift, haptische Signale oder mit Restgehör auch über Lautsprache.

Was ist Lormen?

Lormen ist ein Tastalphabet. Jeder Buchstabe hat eine feste Stelle oder Bewegung auf der Handinnenfläche. Es ist nach Hieronymus Lorm benannt.

Was macht eine Taubblindenassistenz?

Sie übernimmt Kommunikation, beschreibt die Umgebung und begleitet die taubblinde Person. Dabei bestimmt die Person selbst, welche Unterstützung sie möchte.

Was bedeutet das Merkzeichen TBl?

TBl steht im Schwerbehindertenausweis für taubblind. Es gibt das Merkzeichen seit Ende 2016. Damit ist Taubblindheit in Deutschland als eigene Behinderung anerkannt.

Was ist das Usher-Syndrom?

Das Usher-Syndrom ist eine erbliche Erkrankung, bei der eine Hörbehinderung von Geburt an mit einer fortschreitenden Netzhauterkrankung zusammenkommt. Es ist die häufigste genetische Ursache für Taubblindheit.