Postlinguale Taubheit

Definition und Abgrenzung

Postlinguale Taubheit tritt nach abgeschlossenem Spracherwerb auf. Das Sprachvermögen bleibt zunächst erhalten, weil es bereits vor dem Hörverlust entwickelt wurde.

Man unterscheidet zwei Formen. Bei praktischer Taubheit sind noch einzelne Geräusche wahrnehmbar, aber kein Sprachverständnis mehr möglich, auch nicht mit Hörgeräten. Bei absoluter Taubheit sind keine Hörreste mehr nachweisbar.

Der Zeitpunkt des Hörverlusts ist entscheidend. Er beeinflusst, welche Kommunikationsstrategien und Bewältigungswege möglich sind.

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Ursachen

Plötzlicher Hörverlust kann durch Krankheiten wie Meningitis oder ototoxische Medikamente wie Gentamicin ausgelöst werden. Häufiger ist jedoch eine graduelle Verschlechterung über Jahre.

Chronische Lärmbelastung ist eine der häufigsten Ursachen. Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle: Im Gegensatz zu prälingualer Taubheit sind genetische Ursachen für postlinguale Taubheit oft autosomal dominant und treten in Familien gehäuft auf.

Weitere Ursachen sind altersbedingte Hörverluste, Traumata, Tumore, Durchblutungsstörungen oder Infektionen des Innenohrs.

Auswirkungen auf die Kommunikation

Das Sprachvermögen bleibt nach dem Hörverlust zunächst erhalten. Ohne akustisches Feedback wird es aber schwieriger, die eigene Stimme zu kontrollieren. Aussprache, Betonung und Sprachmelodie können sich verändern.

Das Verstehen anderer wird zur täglichen Herausforderung. Viele Betroffene entwickeln deshalb Lippenlesen. Das fällt ihnen oft leichter als Menschen mit prälingualer Taubheit, weil sie Sprachstrukturen bereits kennen.

Außerdem beeinträchtigt postlinguale Taubheit das räumliche Hören. Betroffene können Geräuschquellen nicht mehr zuordnen und haben Schwierigkeiten in lauter Umgebung. Das kann zu sozialer Isolation führen.

Diagnose

Die Diagnose beginnt mit einer Anamnese zu Zeitpunkt, möglichen Ursachen und Familiengeschichte. Danach folgen audiologische Tests: der objektive Hörtest (BERA), die Messung otoakustischer Emissionen (OAE) und eine Gleichgewichtsprüfung. Bildgebende Verfahren wie CT oder MRT können anatomische Veränderungen sichtbar machen.

Die WHO hat ein Klassifizierungssystem für den Schweregrad des Hörverlusts eingeführt, das von leicht bis vollständig reicht und die Auswirkungen auf die Kommunikation berücksichtigt.

Rehabilitation

Das Cochlea-Implantat ist der wirksamste Rehabilitationsansatz bei schwerer postlingualer Taubheit. Es umgeht das geschädigte Innenohr und stimuliert direkt den Hörnerv. Studien zeigen deutliche Verbesserungen beim Hören, Sprachverstehen und der Lebensqualität. Auch nach Jahrzehnten der Ertaubung ist eine erfolgreiche Versorgung möglich.

Hörtraining und Sprachtherapie ergänzen die technische Versorgung. Sie helfen dabei, das neue Hörvermögen optimal zu nutzen.

Gebärdensprache als Kommunikationsoption

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) kann auch für Menschen mit postlingualer Taubheit eine wertvolle Ergänzung sein. Sie ist eine visuell-manuelle Sprache mit eigener Grammatik und seit 2002 in Deutschland offiziell anerkannt. Sie verfügt über regionale Dialekte und ein umfangreiches Vokabular.

Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) sind eine weitere Option. Dabei wird simultan zu jedem gesprochenen Wort eine Gebärde ausgeführt, die deutsche Grammatik bleibt erhalten. LBG ist in Deutschland ebenfalls offiziell anerkannt.

Psychosoziale Anpassung

Der Hörverlust im Erwachsenenalter erfordert viele Anpassungen: an technische Hilfsmittel, neue Kommunikationswege und den Verlust gewohnter Teilhabe. Einsamkeit und Depression können entstehen, wenn die Kommunikation mit dem Umfeld wegbricht.

Offenheit über eigene Bedürfnisse und Schwierigkeiten ist dabei wichtig, sowohl für dich als auch für dein Umfeld.

Berufliche Integration

Arbeitgeber in Deutschland sind verpflichtet, angemessene Vorkehrungen für Menschen mit Hörbehinderungen zu treffen. Technische Hilfsmittel wie FM-Anlagen, Induktionsschleifen oder spezielle Telefone können helfen. Gebärdensprachdolmetscher können bei Besprechungen eingesetzt werden. Integrationsämter und Beratungsstellen unterstützen bei der beruflichen Wiedereingliederung.

Soziales Umfeld

Angehörige können mit einfachen Maßnahmen viel bewirken: deutlich sprechen, Blickkontakt halten, Hintergrundlärm vermeiden, Geduld mitbringen. Das Erlernen einiger Grundgebärden erleichtert die Kommunikation zusätzlich.

Selbsthilfegruppen bieten neben praktischen Informationen auch emotionale Unterstützung und den Austausch mit anderen Betroffenen.

Forschung und Ausblick

Cochlea-Implantate werden stetig weiterentwickelt. Die Erfolgsraten bei postlingualer Taubheit sind besonders gut. Stammzellforschung und Gentherapie lassen hoffen, dass künftig auch die Regeneration geschädigter Haarzellen möglich sein könnte.

Die wachsende Verbreitung der Gebärdensprache und verbesserte technische Hilfsmittel tragen dazu bei, Barrieren abzubauen und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken.

Fazit

Postlinguale Taubheit stellt vor Herausforderungen, aber das bereits entwickelte Sprachvermögen ist ein echter Vorteil. Cochlea-Implantate, Lippenlesen und Gebärdensprache bieten konkrete Wege zur Kommunikation. Mit der richtigen Unterstützung und Offenheit für neue Kommunikationsformen ist ein selbstbestimmtes Leben gut möglich.

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