Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG)

Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG): Eine umfassende Begriffserklärung

Wenn du dich mit dem Thema Kommunikation bei Hörbehinderung beschäftigst, wirst du früher oder später auf den Begriff „Lautsprachbegleitende Gebärden“ stoßen. Diese spezielle Kommunikationsform spielt eine wichtige Rolle in der Verständigung zwischen hörenden und nicht-hörenden Menschen und unterscheidet sich fundamental von der eigentlichen Gebärdensprache. Im folgenden Text erfährst du alles Wichtige über LBG, seinen Einsatz, Vor- und Nachteile sowie seine Bedeutung im Kontext von Hörbehinderungen.

Duomano jetzt herunterladen!

Definition und Funktionsweise

LBG steht für Lautsprachbegleitende Gebärden. Das System führt zu jedem gesprochenen Wort gleichzeitig eine Gebärde aus,  man spricht deshalb auch von „gebärdetem Deutsch“. Im Englischen heißt es „signed English“. LBG ist kein eigenständiges Sprachsystem. Stattdessen übernimmt es die Grammatik der deutschen Lautsprache und gibt ihr eine visuelle Form durch Gebärdensprachen.

Die Gebärdenzeichen stammen aus der Gebärdensprache, sind jedoch auf einzelne Begriffe vereinfacht. Sie dienen dazu, gesprochene Sprache zu stützen und verständlicher zu machen. Damit unterscheidet sich LBG grundlegend von der Deutschen Gebärdensprache, die eine eigene Grammatik hat.

LBG vs. Deutsche Gebärdensprache (DGS)

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine natürlich gewachsene Sprache. Sie hat eine eigene Grammatik, nutzt Mimik und Körperhaltung und bildet vollständige Inhalte ab. Rund 200.000 Menschen in Deutschland, Belgien und Luxemburg verwenden sie.

LBG hingegen ist ein künstlich entwickeltes Hilfsmittel. Der Unterschied lässt sich gut am Beispiel zeigen: „Das Auto fuhr über eine Brücke“ braucht in der DGS nur drei Zeichen „Auto“, „Brücke“ und „fahren über die Brücke“. In LBG sind es acht Gebärden: „Das“, „Auto“, „fahren“, „über“, „eine“, „Brücke“. LBG bleibt also eng an der deutschen Wortfolge und Satzstruktur.

Wer nutzt LBG?

LBG richtet sich an Menschen mit Hörbehinderung – vom leichtgradig Schwerhörigen bis zum tauben Menschen. Die Verteilung nach Schweregrad: 56,5% leichtgradig, 35,2% mittelgradig, 7,2% hochgradig, 1,6% an Taubheit grenzend schwerhörig. Dazu kommen Kinder mit Sprachverständnisproblemen oder Intelligenzminderung, für die LBG ebenfalls hilfreich sein kann.

Besonders in Bildungseinrichtungen ist LBG verbreitet. Dort hilft es, die deutsche Grammatik sichtbar zu machen und den Spracherwerb zu unterstützen. Die Lebenshilfe Berlin bietet zum Beispiel Förderprogramme mit LBG für Kinder und Jugendliche mit Hörbehinderung oder Sprachentwicklungsstörungen an.

Vorteile

LBG hat mehrere Stärken. Erstens zeigt es die Grammatik der deutschen Sprache auf visuellem Weg. Das erleichtert hörgeschädigten Kindern das Erlernen der Schriftsprache erheblich. Zweitens fördert LBG in den ersten Lebensjahren die Kommunikationsfähigkeit – das belegen Beobachtungen bei gehörlosen Kindern in der Frühförderung.

Außerdem unterstützt LBG das Lesen und Erschließen von Texten. Da jedem Wort eine Gebärde entspricht, nimmt das Kind den Text vollständig wahr. Studien zeigen zudem, dass LBG das Sprachverständnis verbessern kann, besonders auf Wortebene und als Merkhilfe in langen Sätzen.

Grenzen und Kritik

LBG hat auch Schwächen. Im Schulalter, wenn Kinder komplexere Sätze bilden, lässt das Verständnis von LBG oft nach. Denn es wird aufwendig, jedes einzelne Wort gleichzeitig zu sprechen und zu gebärden. Deshalb gebärden Lehrkräfte häufig nur noch die wichtigsten Wörter. Dadurch wird der gebärdete Teil unvollständig und ungrammatisch. Die Kinder erhalten dann kein verlässliches Sprachmodell mehr.

Dazu kommt, dass LBG ein künstliches System ist. Es kann manchmal widersprüchliche Bilder erzeugen. Bei „Die Sonne geht unter“ würde LBG zeigen, dass eine Sonne mit Beinen unter etwas läuft – was die eigentliche Bedeutung verfehlt. Die DGS hingegen ist eine natürliche Sprache mit klaren Regeln und umfangreichem Vokabular.

Einsatz in Frühförderung und Schule

In der Frühförderung nutzen Fachkräfte LBG, um Kindern mit Hörbehinderung früh Zugang zur deutschen Grammatik zu geben. Schritt für Schritt lernen die Kinder dabei, sprachliche Strukturen zu verstehen. Viele Frühförderstellen bieten dafür eigene Programme an.

Im Schulalter kommt LBG oft in bilingualen Konzepten zum Einsatz. An der Carl-Kehr-Schule zum Beispiel lernen Schülerinnen und Schüler sowohl mit Lautsprache und LBG als auch mit der Deutschen Gebärdensprache. Ziel ist eine starke Kommunikationskompetenz in beiden Modalitäten. Dabei gilt: Kinder brauchen mindestens eine altersgemäß entwickelte Sprache, um sich kognitiv und sozial zu entfalten. LBG kann diese Brücke bauen, wenn Lautsprache allein nicht ausreicht.

Weitere manuelle Kommunikationssysteme

Neben LBG existieren weitere Systeme. Die Lautsprachunterstützenden Gebärden (LUG) ähneln LBG, lassen aber Artikel und Füllwörter weg. Nur inhaltlich wichtige Wörter erhalten eine Gebärde. LUG eignet sich besonders für Klassen mit gemischten Hörschädigungen – an der von-Lerchenfeld-Schule gilt es sogar als verbindliches Unterrichtsprinzip.

Weitere Systeme sind: Gebärdenunterstützte Kommunikation (GuK), Visual Vernacular (VV), Visuell gestische Kommunikation (VGK), Nonverbale Kommunikation (NVK), das Fingeralphabet und Lautgesten. Jedes hat seinen eigenen Ansatz und eignet sich für unterschiedliche Zielgruppen.

LBG nach Grad der Hörbehinderung

Der Nutzen von LBG hängt vom Grad der Hörbehinderung ab. Bei leichter bis mittlerer Schwerhörigkeit ergänzt LBG die Lautsprache sinnvoll – es liefert visuelle Hinweise, die das Verständnis verbessern. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit ist die DGS oft die bevorzugte Wahl, weil sie vollständige und natürliche Kommunikation ermöglicht. Dennoch kann LBG auch hier nützlich sein – zum Beispiel beim Erlernen der Schriftsprache oder im Austausch mit hörenden Menschen.

Mit dem Alter steigt übrigens die Wahrscheinlichkeit einer Hörbeeinträchtigung: von 1% bei 14- bis 19-Jährigen auf 54% bei Menschen über 70 Jahren. Der Deutsche Gehörlosen-Bund setzt sich für rund 80.000 gehörlose Menschen in Deutschland ein und fördert dabei auch die Akzeptanz verschiedener Kommunikationsformen.

LBG erlernen

Wer LBG lernen möchte, startet am besten mit der Deutschen Gebärdensprache. Denn LBG nutzt dasselbe Vokabular – nur nicht die DGS-Grammatik. DGS-Kurse gibt es an Volkshochschulen, Gebärdensprachschulen und Hochschulen. Außerdem bieten Online-Plattformen interaktive Übungen zu Wortschatz und Alltagskommunikation.

Für den praktischen Einsatz von LBG braucht man vor allem Übung im simultanen Sprechen und Gebärden. Die Gebärden müssen präzise und gleichzeitig mit dem gesprochenen Wort ausgeführt werden. Außerdem gilt: gut sichtbar bleiben, deutlich gebärden und klar sprechen. Eine deutliche Aussprache unterstützt viele Menschen mit Hörbehinderung beim Mundablesen.

Fazit und Ausblick

LBG ist ein wichtiges Kommunikationswerkzeug zwischen hörender und gehörloser Welt. Es unterstützt die Sprachförderung – besonders in Bildung und Frühförderung. Gleichzeitig hat es Grenzen, die man kennen sollte. Die Deutsche Gebärdensprache bleibt für viele gehörlose Menschen die erste Wahl. LBG ergänzt sie, ersetzt sie aber nicht.

Bilinguale Konzepte mit LBG und DGS gewinnen zunehmend an Bedeutung. Organisationen wie der Schweizerische Gehörlosenbund stärken das Bewusstsein dafür. Und durch die Digitalisierung entstehen neue Möglichkeiten: Apps und Lernplattformen machen LBG und DGS zugänglicher und helfen dabei, Kommunikationsbarrieren abzubauen.

31