Prälinguale Taubheit

Was ist prälinguale Taubheit?

Prälinguale Taubheit tritt vor dem eigentlichen Spracherwerb auf, meist vor dem zweiten bis vierten Lebensjahr. Manche Quellen nennen auch das siebte Lebensjahr als Grenze. In dieser Phase wird die Grundlage für den natürlichen Spracherwerb gelegt. Fehlt der Zugang zu sprachlichen Informationen, kann die gesamte Sprachentwicklung davon betroffen sein.

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Ursachen der prälingualen Taubheit

Über die Hälfte der angeborenen Hörstörungen hat eine genetische Ursache. Sie können isoliert auftreten oder Teil eines Syndroms sein. Nur etwa 10% der tauben Kinder haben taube Eltern.

Nicht-genetische Ursachen sind Infektionen der Mutter während der Schwangerschaft, vor allem Röteln, sowie Alkohol, Drogen oder bestimmte Medikamente. Nach der Geburt können Meningitis, Sauerstoffmangel oder Hirnblutungen zu prälingualer Taubheit führen. In manchen Fällen bleibt die Ursache ungeklärt.

Auswirkungen auf die Sprachentwicklung

Prälingual ertaubte Kinder können Sprache nicht durch Zuhören und Nachahmen erwerben. Ohne frühzeitige Förderung entstehen erhebliche Verzögerungen. Bei Kindern, die vor dem siebten Lebensjahr ertauben, geht der bis dahin erworbene Wortschatz oft wieder verloren.

Die Auswirkungen gehen über Sprache hinaus. Ohne angemessene Kommunikationsmöglichkeiten haben Kinder Schwierigkeiten, komplexe Konzepte zu verstehen, soziale Beziehungen aufzubauen und ihre Umwelt vollständig zu erfassen.

Diagnose und Früherkennung

Das Neugeborenen-Hörscreening gehört in vielen Ländern zur Standarduntersuchung nach der Geburt. Bei auffälligen Ergebnissen folgen weitere Tests. Eltern sollten außerdem auf Anzeichen achten: ausbleibende Reaktion auf laute Geräusche, verzögerte Lallphase oder fehlende Reaktion auf den eigenen Namen. Bei Verdacht sollte frühzeitig ein Pädakustiker oder HNO-Arzt aufgesucht werden.

Unterschied zur postlingualen Taubheit

Menschen mit postlingualer Taubheit haben Sprache bereits gelernt, bevor der Hörverlust eintrat. Sie kennen Klänge, Melodien und Rhythmen der Sprache und können darauf zurückgreifen. Ihr Wortschatz bleibt in der Regel erhalten.

Prälingual ertaubte Menschen müssen Sprache ohne akustische Komponente erwerben. Die Gebärdensprachen bieten dafür einen natürlichen, vollständig zugänglichen Weg und dienen als Erstsprache.

Gebärdensprache als Erstsprache

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist seit 2002 in Deutschland offiziell anerkannt. Sie ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik, keine Übersetzung der Lautsprache. Für prälingual ertaubte Kinder bietet sie barrierefreien Zugang zur Kommunikation, weil sie vollständig visuell wahrnehmbar ist.

Experten empfehlen, dass Kinder möglichst früh mit der Gebärdensprache in Kontakt kommen. Ideal ist es, wenn die gesamte Familie Gebärdensprache lernt. Beim bilingualen Ansatz, bei dem Gebärden- und Lautsprache parallel vermittelt werden, können Kinder ihr volles sprachliches Potenzial entfalten.

Frühförderung und Bildung

Frühförderung sollte so früh wie möglich beginnen und individuell auf das Kind und seine Familie abgestimmt sein. Der bilinguale Ansatz gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung: Gebärdensprache dient als Türöffner, während gleichzeitig lautsprachliche Fähigkeiten gefördert werden.

Schulisch gibt es verschiedene Wege: Förderschulen für Hörgeschädigte oder Inklusion an Regelschulen. Bei Letzterem werden Kinder in der Regel durch Lehrkräfte einer Schule für Hörgeschädigte begleitet.

Cochlea-Implantat und technische Hilfsmittel

Ein Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese, die durch elektrische Stimulation des Hörnervs Hörempfindungen auslöst. Bei prälingual ertaubten Kindern ist eine frühzeitige Implantation besonders wichtig, weil die ersten Lebensjahre kritisch für die Entwicklung des Hörsystems sind.

Die Entscheidung für oder gegen ein Cochlea-Implantat sollte nach umfassender Beratung und unter Berücksichtigung der individuellen Situation getroffen werden. Unabhängig davon bleibt die Gebärdensprache eine wichtige Kommunikationsoption.

Gehörlosenkultur und Gemeinschaft

Die Gehörlosenkultur sieht Gehörlosigkeit nicht als Defizit, sondern als Teil einer sprachlichen und kulturellen Minderheit. Barrierefreie Kommunikation in Gebärdensprache steht im Mittelpunkt. Ausdrucksformen sind Gebärdensprachpoesie, Theater, Pantomime, Tanz und bildende Kunst.

Der Kontakt zur Gehörlosengemeinschaft kann für Kinder und ihre Familien sehr wertvoll sein. Kinder finden dort Vorbilder und erfahren, dass ihre Art zu kommunizieren nicht defizitär, sondern einfach anders ist.

Rechtliche Grundlagen in Deutschland

Das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) erkennt die DGS als eigenständige Sprache an und garantiert das Recht, mit Bundesbehörden in Gebärdensprache zu kommunizieren. Eltern haben Anspruch auf Frühförderung für ihr Kind. Lippenlesen ist anstrengend und unzuverlässig, weil nur etwa ein Drittel aller Laute ein eindeutiges Mundbild hat. Deshalb bleibt gesellschaftliche Sensibilisierung wichtig.

Fazit: Leben mit prälingualer Taubheit

Prälinguale Taubheit stellt Kinder und ihr Umfeld vor besondere Aufgaben. Frühzeitige Erkennung, gezielte Förderung und Gebärdensprache sind die entscheidenden Faktoren für eine gute Entwicklung. Mit dem richtigen Unterstützungssystem ist ein selbstbestimmtes Leben sehr gut möglich.

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