Gebärdenspracherwerb

Was ist Gebärdensprache und warum ist ihr Erwerb so wichtig?

Gebärdensprache ist eine visuell wahrnehmbare Sprachform, die insbesondere von tauben und schwerhörigen Menschen zur Kommunikation genutzt wird. Verständigung entsteht durch das Zusammenspiel von Gestik, Mimik, dem lautlosen Mundbild gesprochener Wörter sowie Veränderungen der Körperhaltung. Entgegen weit verbreiteten Annahmen sind Gebärdensprachen keine vereinfachten Kommunikationssysteme, sondern vollständig entwickelte natürliche Sprachen mit derselben Komplexität wie Lautsprachen.

In Deutschland nutzen rund 200.000 Menschen die Deutsche Gebärdensprache (DGS) dauerhaft oder gelegentlich. Die DGS besitzt eine eigenständige Grammatik, die sich deutlich von der deutschen Lautsprache unterscheidet. So werden beispielsweise Zeitangaben häufig am Satzanfang gebärdet, während Verben sowohl nach dem Subjekt als auch am Satzende stehen können.

Für Menschen mit einer Hörbehinderung ist der Zugang zu einer vollwertigen Sprache, die ihren Wahrnehmungsbedingungen entspricht, von entscheidender Bedeutung. Der Erwerb der Gebärdensprache ermöglicht ihnen eine sichere, entspannte und verlässliche Kommunikation.

Der natürliche Gebärdenspracherwerb bei Kindern

Wachsen Kinder in einem gebärdensprachlichen Umfeld auf, erwerben sie die Gebärdensprache auf natürliche Weise als Erstsprache. Untersuchungen zeigen, dass dieser Prozess vergleichbaren Mustern wie beim Lautspracherwerb folgt – unabhängig von der Sprachmodalität. Der wesentliche Unterschied liegt daher nicht im grundlegenden Erwerbsprozess, sondern in der Art der Sprachverarbeitung und Sprachproduktion.

Wichtig ist dabei, dass nur etwa 5 bis 10 Prozent der tauben Kinder in einem gebärdensprachlichen Umfeld aufwachsen. Der Grund dafür ist, dass rund 90 bis 95 Prozent der tauben Kinder hörende Eltern haben, die häufig selbst keine Gebärdensprache beherrschen. Deshalb ist eine frühe Förderung des Gebärdenspracherwerbs in diesen Fällen besonders bedeutsam.

Meilensteine im Gebärdenspracherwerb

Der Erwerb der Gebärdensprache folgt ähnlichen Entwicklungsstufen wie der Lautspracherwerb, wobei die visuelle statt der auditiven Modalität im Mittelpunkt steht.

Bereits ab der Geburt beginnen Kinder mit Bewegungen von Händen und Armen, ähnlich wie hörende Kinder erste Laute produzieren. Mit etwa sechs Monaten tritt das sogenannte manuelle Lallen auf, das dem vokalen Lallen beim Lautspracherwerb entspricht. Kinder bilden dabei typische Handformen und rhythmische Bewegungen.

Die ersten Gebärden erscheinen meist im Alter von etwa einem Jahr, parallel zu den ersten gesprochenen Wörtern hörender Kinder. Die Grenze von ungefähr 50 Gebärden wird meist im Alter von 1,5 Jahren erreicht. Mit etwa zwei Jahren beginnen Kinder, erste grammatische Mehrgebärdenkonstruktionen zu verwenden. Sie nutzen Personalpronomen korrekt, flektieren Verben räumlich und setzen Richtungsverben passend ein.

Ab dem dritten Lebensjahr stellen Kinder, die Gebärdensprache als Erstsprache erwerben, zunehmend komplexe syntaktische Zusammenhänge von manuellen und nicht-manuellen Komponenten korrekt dar. Die Mimik wird differenzierter eingesetzt, und auch Konditionalsätze werden entsprechend markiert.

Gebärdenspracherwerb in verschiedenen familiären Kontexten

Der familiäre Kontext hat einen entscheidenden Einfluss auf den Gebärdenspracherwerb. Sind die Eltern selbst taub, erfolgt der Erwerb der Gebärdensprache in der Regel ganz selbstverständlich innerhalb der Familie. Das Kind hat von Geburt an Zugang zu einer vollwertigen visuellen Sprache und kann diese natürlich erwerben.

Anders gestaltet sich die Situation bei hörenden Eltern mit einem tauben Kind. Hier ist eine bewusste Entscheidung für den Gebärdenspracherwerb erforderlich. Die Eltern müssen entweder selbst die Gebärdensprache lernen oder ihrem Kind auf andere Weise Zugang zu gebärdensprachlicher Kommunikation ermöglichen.

Besonders interessant sind hörende Kinder tauber Eltern, sogenannte CODAs (Children of Deaf Adults). Sie erwerben idealerweise über ihre tauben Eltern die Gebärdensprache als Muttersprache und über ihr hörendes Umfeld die Lautsprache. Damit sind sie ein natürliches Beispiel für bimodal-bilinguale Mehrsprachigkeit.

Die neurobiologischen Grundlagen des Gebärdenspracherwerbs

Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Gebärdensprachen trotz ihrer visuellen Sprachmodalität in den typischen Spracharealen der linken Gehirnhälfte verarbeitet werden. Dies verdeutlicht, dass die menschliche Sprachfähigkeit weitgehend unabhängig von der Modalität ist.

Interessant sind dabei Unterschiede im Erwerbsalter. Ein früher Gebärdenspracherwerb fördert die allgemeine Sprachentwicklung und unterstützt den Erwerb weiterer Sprachen. Das unterstreicht die Bedeutung eines möglichst frühen Zugangs zur Gebärdensprache.

Die Bedeutung des frühen Erwerbs für die kognitive Entwicklung

Der frühe Erwerb einer Gebärdensprache wirkt sich positiv auf die kognitive Entwicklung tauber Kinder aus. Studien zeigen, dass Kinder, die früh ein natürliches gebärdensprachliches Angebot erhalten, dieses aktiv für das Erlernen weiterer Sprachen nutzen können.

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass ihnen mit der Gebärdensprache ein Sprachsystem zur Verfügung steht, das optimal zu ihren Wahrnehmungsbedingungen passt. Dadurch entwickeln sie früh ein Sprachbewusstsein, das für jede weitere Sprache hilfreich ist.

Zusätzlich unterstützt die Kombination aus visuellen, akustischen und motorischen Reizen die Gehirnentwicklung und fördert Feinmotorik, Konzentration sowie Selbstwahrnehmung.

Bimodaler Gebärdenspracherwerb

Unter bimodaler Mehrsprachigkeit versteht man das Aufwachsen mit zwei oder mehreren Sprachen, von denen mindestens eine eine Gebärdensprache ist. Der Begriff „bimodal“ beschreibt dabei die zwei unterschiedlichen Modalitäten: die visuell-räumliche Gebärdensprache und die aural-orale Lautsprache.

Diese Form der Sprachentwicklung kann sowohl für taube als auch für hörende Kinder große Vorteile bieten und erleichtert den Erwerb weiterer Sprachen nachhaltig.

Gebärdenspracherwerb und technische Hilfsmittel

Die Diskussion über den Gebärdenspracherwerb ist eng mit technischen Hilfsmitteln wie dem Cochlea-Implantat (CI) verbunden. Während manche den Erwerb der Gebärdensprache bei CI-Trägern als unnötig ansehen, zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse ein anderes Bild.

Studien belegen, dass Kinder mit CI beide Sprachen kompetent erwerben können und vergleichbare Entwicklungsmuster zeigen wie hörende bilingual aufwachsende Kinder. Besonders bei verzögertem Lautsprachfortschritt bietet die Gebärdensprache eine wichtige zusätzliche Unterstützung.

Förderung im Alltag und Bildungssystem

Um den Gebärdenspracherwerb zu fördern, ist ein möglichst früher Zugang entscheidend. In Kindertagesstätten und Schulen erleichtern spezielle Materialien und gebärdensprachliche Angebote den Einstieg in die Kommunikation.

Besonders bei Kindern mit verzögerter Sprachentwicklung ist es wichtig, frühzeitig eine passende Kommunikationsform anzubieten. Das Erlernen von Schlüsselgebärden verbessert nicht nur die Kommunikation, sondern unterstützt auch die gesamte Entwicklung des Kindes.

Die lebenslange Bedeutung des Gebärdenspracherwerbs

Der Gebärdenspracherwerb ist ein faszinierender Prozess, der viele Parallelen zum Lautspracherwerb aufweist. Für taube und schwerhörige Menschen ist der Zugang zur Gebärdensprache von zentraler Bedeutung für ihre sprachliche, kognitive und soziale Entwicklung.

Die Forschung zeigt deutlich, dass ein früher Gebärdenspracherwerb die gesamte Sprachentwicklung positiv beeinflusst und den Erwerb der Lautsprache unterstützen kann. Bimodale Zweisprachigkeit bietet dabei besonders gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche kommunikative und kognitive Entwicklung.

Für Eltern, Pädagogen und Fachkräfte ist es daher wichtig zu verstehen, dass Gebärdensprache kein Hindernis, sondern eine wertvolle Unterstützung für die Sprachentwicklung darstellt.

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