Was ist die internationale Gebärdensprache?
Wenn du jemals gehört hast, dass es eine internationale Gebärdensprache gibt, die weltweit verstanden wird, dann ist es Zeit, mit diesem verbreiteten Mythos aufzuräumen. Eine einheitliche internationale Gebärdensprache gibt es nicht. Was existiert, ist ein Kommunikationssystem namens International Sign (IS), das tauben Menschen aus verschiedenen Sprachräumen die Verständigung ermöglicht. Dieser Text erklärt, was International Sign wirklich ist, wie es entstanden ist und welche Bedeutung es für die taube Gemeinschaft weltweit hat.
Entgegen einer weit verbreiteten Annahme ist Gebärdensprache nicht international. Genau wie bei Laut- und Schriftsprachen gibt es weltweit etwa 200 bis 300 verschiedene Gebärdensprachen, die sich in Vokabular, Grammatik und Ausführung voneinander unterscheiden. Diese Vielfalt spiegelt die reiche kulturelle und sprachliche Diversität der tauben Gemeinschaften weltweit wider.
Was oft als internationale Gebärdensprache bezeichnet wird, ist tatsächlich International Sign, eine Pidgin-Sprache, die zwischen Menschen verschiedener Gebärdensprachen verwendet wird. International Sign entstand aus dem Bedürfnis tauber Menschen, sich trotz der vielen lokalen Gebärdensprachen auf internationalen Treffen verständigen zu können.
In Deutschland leben etwa 83.000 taube Menschen, was ungefähr 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Weltweit sind es etwa 70 Millionen taube Menschen, die mithilfe von über 300 verschiedenen Gebärdensprachen kommunizieren. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt und zeichnet sich, wie alle Gebärdensprachen, durch ihre eigene Grammatik und ihr eigenständiges Vokabular aus.
Geschichte und Entwicklung der Internationalen Gebärdensprache
Taube Menschen treffen sich seit über 200 Jahren bei internationalen Veranstaltungen und haben dabei immer Wege gefunden, miteinander zu kommunizieren. Die Notwendigkeit, ein standardisiertes internationales Gebärdensystem zu schaffen, wurde erstmals 1951 beim ersten Weltkongress der Tauben diskutiert, als der Weltverband der Tauben (World Federation of the Deaf, WFD) gegründet wurde.
Ein formeller Versuch, eine internationale Gebärdensprache zu schaffen, folgte in den 1970er Jahren. 1973 bildete die WFD einen Ausschuss, der eine internationale Sprache für taube Menschen entwickeln sollte. Dafür wurden natürliche, einfache Gebärden ausgewählt, die taube Menschen aus verschiedenen Ländern bereits verwendeten. Das Ergebnis war Gestuno, ein Name, der sich aus dem englischen Wort gesture und einer Anspielung auf die UNO zusammensetzt. Ein fotografisches Wörterbuch mit etwa 1.500 Gebärden wurde veröffentlicht.
Als Gestuno 1976 beim WFD-Kongress in Bulgarien erstmals eingesetzt wurde, erwies es sich jedoch als unverständlich für die tauben Teilnehmer. Daraufhin entwickelte sich informell unter den Teilnehmern und Gebärdensprachdolmetschern eine eigene Pidgin-Sprache, die heute als International Sign bekannt ist. Der Begriff Gestuno geriet in Vergessenheit, und das dazugehörige Buch verlor an Bedeutung.
Merkmale und Funktionsweise von International Sign
International Sign ist keine geplante, standardisierte Sprache wie Esperanto, sondern eine flexible, kontextabhängige Kommunikationsform. Sie ist modular und nicht an eine spezifische Gebärdensprache gebunden, sondern kombiniert Elemente aus verschiedenen Gebärdensprachen. Dadurch kann sie Menschen aus unterschiedlichen Ländern verbinden, unabhängig von ihrer lokalen Gebärdensprache.
Um die Verständlichkeit zu erhöhen, verwendet International Sign häufig einfache und klare Gesten und vermeidet komplexe Grammatikstrukturen. Neben Gebärden spielen nonverbale Kommunikationsmittel wie Mimik, Körpersprache und visuelle Hinweise eine wichtige Rolle. Die Kommunikation basiert dabei zum großen Teil auf Wiederholungen, der Übernahme von Landesgebärden und dem Umschreiben von Gebärden und Sachverhalten. Das funktioniert zwar gut, dauert aber entsprechend länger als die Kommunikation in einer vollständigen natürlichen Gebärdensprache.
Da es sich um ein informelles Kommunikationssystem handelt, können Benutzer ihr Wissen über ihre jeweiligen nationalen Gebärdensprachen einbringen, um die Verständigung zu erleichtern. Das macht International Sign zu einer besonders anpassungsfähigen Kommunikationsform.
Internationale Gebärdensprache vs. Gestuno: Ein wichtiger Unterschied
Es ist wichtig, zwischen International Sign und Gestuno zu unterscheiden, weil diese Begriffe oft fälschlicherweise synonym verwendet werden. Gestuno war ein bewusster, top-down entwickelter Versuch der WFD, eine internationale Gebärdensprache zu schaffen. Dieser Versuch scheiterte, als die Sprache bei ihrer ersten offiziellen Anwendung 1976 für die tauben Teilnehmer unverständlich blieb.
International Sign hingegen entwickelte sich organisch aus der direkten Kommunikation zwischen tauben Menschen verschiedener Sprachhintergründe. Es ist keine Plansprache, sondern eine flexible, anpassungsfähige Kommunikationsform, die je nach Kontext und den beteiligten Personen variieren kann.
Für International Sign gibt es verschiedene Bezeichnungen: International Sign Language (ISL), International Gesture (IG) oder International Sign Pidgin. Der heute gebräuchlichste Begriff ist International Sign, den die World Federation of the Deaf und weitere internationale Organisationen verwenden.
Internationale Verständigung ohne Internationale Gebärdensprache
Obwohl keine standardisierte internationale Gebärdensprache existiert, klappt die Verständigung auf internationaler Ebene in Gebärdensprache erstaunlich gut. Taube Menschen nutzen dabei International Sign, also eine Kombination aus Gebärden verschiedener nationaler Gebärdensprachen, visuellen Hinweisen und Mimik. Das funktioniert besonders gut bei konkreten, alltagsbezogenen Themen, während abstrakte Konzepte mehr Umschreibungen und visuelle Hilfsmittel erfordern.
Bei innereuropäischen Veranstaltungen werden International Signs nur selten eingesetzt. Stattdessen hat sich durch den regelmäßigen Austausch tauber Menschen innerhalb Europas eine eigene Variante entwickelt, die als Eurosigns bezeichnet wird. Eurosigns ist hauptsächlich durch die British Sign Language, die französische Gebärdensprache und skandinavische Gebärdensprachen beeinflusst.
Darüber hinaus gibt es ein internationales Fingeralphabet, das sich überwiegend am Fingeralphabet der USA orientiert. Es dient jedoch nur zur Buchstabierung einzelner Wörter und ist deshalb kein Ersatz für vollständige Gebärdensprachen.
Die Bedeutung von International Sign für Menschen mit Hörbehinderung
International Sign spielt eine wichtige Rolle für die weltweite taube Gemeinschaft. Es ermöglicht die Kommunikation bei internationalen Veranstaltungen wie den Kongressen des Weltverbands der Tauben, bei den Deaflympics, bei Eurovision und beim informellen Reisen und sozialen Zusammentreffen.
In Europa leben etwa 196 Millionen Menschen mit einer Hörbehinderung, und Prognosen zufolge werden es bis 2050 etwa 236 Millionen sein. In Deutschland sind laut Untersuchungen etwa 19 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre hörbeeinträchtigt, was rund 13,3 Millionen Menschen entspricht. Diese große Gruppe profitiert von den verschiedenen Kommunikationsmethoden, darunter International Sign für internationale Kontakte.
Seit 2009 wird jährlich am 23. September der Internationale Tag der Gebärdensprache begangen. Dieser von den Vereinten Nationen ausgerufene Tag soll das Bewusstsein für die Bedeutung von Gebärdensprachen fördern und daran erinnern, dass diese vollwertige, eigenständige Sprachen sind, die denselben Respekt und dieselbe Anerkennung verdienen wie Lautsprachen.
Die historische Unterdrückung und Renaissance der Gebärdensprachen
Die Geschichte der Gebärdensprachen ist auch eine Geschichte der Unterdrückung. Ein besonders einschneidendes Ereignis war der Mailänder Kongress von 1880, bei dem beschlossen wurde, Gebärdensprachen aus dem Unterricht für taube Kinder zu verbannen und stattdessen auf rein lautsprachliche Methoden zu setzen. Diese Beschlüsse hatten in Deutschland ungefähr 100 Jahre Bestand. Das Verbot der Gebärdensprache im Unterricht wurde insbesondere im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit fast ohne fachlichen Widerspruch umgesetzt.
Trotz dieser Verbote wurden Gebärdensprachen von tauben Menschen heimlich weitergegeben und weiterentwickelt, vor allem in Schulen und Internaten außerhalb des offiziellen Unterrichts. Das Verbot begann sich erst zu lockern, als in den 1960er Jahren in den USA und in den 1980er Jahren in Deutschland die linguistische Erforschung von Gebärdensprachen begann.
Heute wird die einst verbotene Gebärdensprache aktiv gefördert. Bilinguale Unterrichtskonzepte, die sowohl Gebärden- als auch Lautsprache einbeziehen, gewinnen an Bedeutung. Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 hat außerdem das Recht auf gebärdensprachliche Beschulung in Deutschland gesetzlich verankert.
Fazit: Die Realität der Internationalen Gebärdensprache
Eine einheitliche, standardisierte internationale Gebärdensprache gibt es nicht. Was existiert, ist das flexible Kommunikationssystem International Sign, das tauben Menschen die Verständigung über Sprachgrenzen hinweg ermöglicht. International Sign ist keine Plansprache, sondern eine natürlich entstandene Pidgin-Sprache, die sich aus dem Bedürfnis tauber Menschen nach internationaler Kommunikation entwickelt hat. Sie zeichnet sich durch Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und die intensive Nutzung visuell nachvollziehbarer Gebärden aus.
Die Vielfalt der Gebärdensprachen weltweit ist dabei kein Mangel, sondern Ausdruck der kulturellen und sprachlichen Vielfalt tauber Gemeinschaften. Jede Gebärdensprache ist eine vollwertige, eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Vokabular, die denselben Respekt und dieselbe Anerkennung verdient wie jede Lautsprache.

