Resthörigkeit

Was Resthörigkeit medizinisch bedeutet: Definition und Einordnung

Resthörig beschreibt einen Zustand, bei dem das Gehör stark eingeschränkt, aber nicht vollständig verloren ist. Medizinisch wird Resthörigkeit diagnostiziert, wenn der Hörverlust zwischen 85 und 100 Dezibel liegt. Das entspricht dem, was Fachleute als an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit bezeichnen. Zum Vergleich: Ein normales Gespräch findet bei etwa 60 Dezibel statt, Straßenlärm erreicht etwa 80 Dezibel. Resthörige Menschen bewegen sich also in einem Bereich, in dem selbst alltägliche Geräusche kaum noch wahrgenommen werden.

Resthörig sein bedeutet dabei nicht, dass überhaupt keine akustischen Eindrücke mehr möglich sind. Vielmehr können bestimmte Frequenzen oder Lautstärken nur noch sehr eingeschränkt wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmungsfähigkeit ist außerdem nicht konstant: Sie verändert sich je nach Tagesform, Umgebung und Situation. Manche resthörigen Menschen hören tiefe Töne besser als hohe, andere umgekehrt. In ruhiger Umgebung kann manchmal noch ein Gespräch verfolgt werden, in lauter Umgebung ist Kommunikation ohne Hilfsmittel kaum möglich.

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Restgehör im Detail: Wie das Innenohr trotz Hörverlust noch wahrnimmt

Restgehör bezeichnet die Fähigkeit, auch bei vorhandenem Hörverlust noch bestimmte Töne oder Klänge wahrzunehmen. Tatsächlich haben etwa 98 Prozent der Menschen, die als nicht hörend gelten, ein gewisses Restgehör. Diese Zahl überrascht viele, zeigt aber, dass Taubheit und Resthörigkeit keine klar getrennten Zustände sind, sondern ein Spektrum.

Das Restgehör entsteht, weil bei einem Hörverlust nicht alle der rund 20.000 Haarzellen im Innenohr geschädigt sind. Diese Sinneszellen wandeln Schallwellen in elektrische Signale um, die ans Gehirn weitergeleitet werden. Solange einige dieser Zellen noch funktionieren, können bestimmte Schallwellen noch verarbeitet werden. Dabei bleibt das Hören tiefer Frequenzen in der Regel länger erhalten als das Hören hoher Frequenzen.

Für betroffene Menschen hat das Restgehör eine große praktische Bedeutung. Es erleichtert die Orientierung im Alltag, macht Warngeräusche erkennbar und kann in manchen Fällen, besonders in Kombination mit Hörhilfen, sogar zum Sprachverstehen beitragen.

Der Alltag als resthörige Person: Herausforderungen und neue Perspektiven

Der Alltag mit Resthörigkeit ist geprägt von ständigen Anpassungen. Gespräche müssen aktiv rekonstruiert werden, weil oft nur Bruchstücke ankommen. In lauten Umgebungen wie Restaurants, Bahnhöfen oder Gruppenveranstaltungen wird Kommunikation ohne Hilfsmittel fast unmöglich. Das ständige Nachfragen, das Gefühl, etwas zu verpassen, und die Erschöpfung durch das intensive Zuhören können langfristig emotional belastend sein und zu sozialer Isolation führen.

Telefonieren, Fernsehen, Musikhören und die Teilnahme an Gruppenaktivitäten erfordern besondere Strategien. Wer resthörig ist, muss ständig auf die eigene Positionierung im Raum achten, Gesprächspartner um klare Aussprache bitten und Situationen meiden, in denen die Kommunikation von vornherein aussichtslos ist.

Gleichzeitig eröffnet das Leben mit Resthörigkeit neue Wahrnehmungen. Viele resthörige Menschen entwickeln eine besonders ausgeprägte visuelle Aufmerksamkeit. Sie lesen Mimik und Körpersprache mit einer Präzision, die hörenden Menschen oft fehlt. Außerdem führt die Auseinandersetzung mit der eigenen Hörbehinderung häufig zu einem sensibilisierten Blick auf Inklusion und Barrierefreiheit in der Gesellschaft.

Die Grade der Hörbehinderung: Wo Resthörigkeit einzuordnen ist

Hörbehinderungen werden nach dem Ausmaß des Hörverlusts in verschiedene Grade eingeteilt. Diese Einteilung ist für die medizinische Diagnose, die Hilfsmittelversorgung und sozialrechtliche Belange wichtig.

Die leichtgradige Schwerhörigkeit beginnt bei einem Hörverlust von 25 bis 40 Dezibel. In diesem Bereich können die meisten Menschen noch normalen Gesprächen folgen. Die mittelgradige Schwerhörigkeit liegt zwischen 40 und 70 Dezibel, wobei deutliche Verständnisprobleme auftreten, die auch moderne Hörgeräte nicht vollständig ausgleichen können.

Die hochgradige Schwerhörigkeit beginnt bei einem Hörverlust von 70 Dezibel. Der Bereich zwischen 85 und 100 Dezibel ist dabei der Bereich der Resthörigkeit, auch an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit genannt. Von Taubheit wird gesprochen, wenn der Hörverlust im Frequenzbereich zwischen 125 und 250 Hertz mehr als 60 Dezibel und im übrigen Bereich mehr als 100 Dezibel beträgt. Resthörigkeit liegt damit genau an der Grenze dieser beiden Kategorien.

Hörhilfen für resthörige Menschen: Von Hörgeräten bis zum Cochlea-Implantat

Für resthörige Menschen gibt es verschiedene technische Hilfsmittel, die den Alltag erheblich erleichtern können. Moderne Hörgeräte werden speziell für hochgradige Schwerhörigkeit angepasst und verstärken gezielt die noch wahrnehmbaren Frequenzen. Zusatzfunktionen wie Richtmikrofone, Bluetooth-Anbindung und Störschallfilter verbessern das Sprachverstehen in unterschiedlichen Situationen.

Wenn Hörgeräte nicht ausreichen, kommt ein Cochlea-Implantat in Betracht. Dieses elektronische System umgeht die geschädigten Haarzellen im Innenohr und stimuliert direkt den Hörnerv. Anders als ein Hörgerät verstärkt es den Schall nicht, sondern wandelt Schallwellen in elektrische Impulse um, die das Gehirn als Höreindrücke interpretieren kann.

Besonders interessant ist außerdem die elektrisch-akustische Stimulation (EAS), die die Vorteile von Cochlea-Implantat und Hörgerät kombiniert. Das System nutzt das vorhandene Restgehör für tiefe Frequenzen und ergänzt die nicht mehr hörbaren hohen Frequenzen durch elektrische Stimulation. Das führt zu besonders guten Ergebnissen beim Sprachverstehen, auch in geräuschvoller Umgebung.

Warum die Gebärdensprache für resthörige Menschen so wichtig ist

Für viele resthörige Menschen ist die Gebärdensprache weit mehr als eine Notlösung. Sie bietet eine vollwertige Alternative zur Lautsprache und ermöglicht barrierefreie Kommunikation ohne die ständige Anstrengung des Hörens und Lippenlesens. Gebärdensprache ist eine visuell wahrnehmbare Sprache, die durch Gestik, Mimik, Mundbild und Körperhaltung kommuniziert.

Wer resthörig ist und Gebärdensprache erlernt, gewinnt eine vollständige und nuancenreiche Sprache hinzu. Die kommunikative Belastung sinkt erheblich, Gespräche werden entspannter und tiefergehende Verständigung wird möglich. Gebärdensprachen sind dabei entgegen häufiger Annahmen nicht international: Es gibt weltweit etwa 137 verschiedene Gebärdensprachen, jede mit eigener Grammatik und eigenem Vokabular.

In Deutschland wird die Deutsche Gebärdensprache (DGS) verwendet, die von rund 200.000 bis 300.000 Menschen genutzt wird. Sie ist eine vollwertige natürliche Sprache mit eigener Grammatik und bietet Ausdrucksmöglichkeiten für jedes Thema, von alltäglichen Gesprächen bis hin zu abstrakten wissenschaftlichen Diskussionen.

Die Deutsche Gebärdensprache: Eigenständig, vollwertig und ausdrucksstark

Die Deutsche Gebärdensprache ist seit 2002 als vollwertige Sprache in Deutschland anerkannt. Sie hat eine eigene Grammatik, die sich grundlegend von der deutschen Lautsprache unterscheidet. Satzbau, Zeitformen und andere sprachliche Merkmale folgen eigenen Regeln, die auf den visuellen Charakter der Sprache abgestimmt sind.

Ein besonderes Merkmal der DGS ist, dass sie Informationen oft gleichzeitig ausdrücken kann, während die Lautsprache linear verläuft. Mit den Händen können Substantive gebärdet werden, während gleichzeitig durch Mimik und Körperhaltung Adjektive oder Adverbien ausgedrückt werden. Das macht die DGS zu einer besonders ausdrucksstarken und effizienten Kommunikationsform.

Das Vokabular der DGS umfasst tausende Gebärden, das große Wörterbuch der DGS enthält etwa 19.000 Gebärdenvideos. Wie die Lautsprache entwickelt sich auch die DGS ständig weiter. Neue Gebärden entstehen, und die Sprache hat regionale Varianten und Dialekte.

Resthörig oder taub: Wie Betroffene sich selbst definieren

Die Begriffe resthörig und taub sind nicht nur medizinische Kategorien, sondern haben auch eine identitätsstiftende Bedeutung. Viele Menschen mit hochgradiger Schwerhörigkeit oder Resthörigkeit definieren sich nicht über ihr fehlendes Hörvermögen, sondern über ihre Zugehörigkeit zur Gebärdensprachgemeinschaft und zur tauben Kultur.

Das Wort Rest im Begriff resthörig wird von einigen Betroffenen kritisch gesehen, weil es den Fokus auf ein Defizit legt und als nicht ressourcenorientiert wahrgenommen wird. Deshalb bezeichnen sich immer mehr Betroffene als taube Menschen, um wegzukommen von einer rein medizinisch geprägten Wahrnehmung als Behinderung.

Der Deutsche Gehörlosen-Bund definiert Taubheit außerdem nicht ausschließlich über den Hörstatus, sondern auch über die Identifikation mit der tauben Gemeinschaft und Kultur. Das verdeutlicht, dass es bei der Selbstdefinition nicht nur um audiologische Messwerte geht, sondern um kulturelle Zugehörigkeit und persönliche Identität.

Inklusion und Barrierefreiheit für resthörige Menschen

Barrierefreiheit bedeutet für resthörige Menschen vor allem kommunikative Zugänglichkeit. Es geht nicht nur darum, ob ein Gebäude physisch zugänglich ist, sondern darum, ob Informationen und soziale Interaktionen barrierefrei erreichbar sind.

Gebärdensprachdolmetscher spielen dabei eine wichtige Rolle, weil sie zwischen Lautsprache und Gebärdensprache übersetzen. In Deutschland haben taube und hochgradig schwerhörige Menschen in vielen Lebensbereichen einen gesetzlichen Anspruch auf Dolmetscherdienste, etwa bei Behördengängen, Arztbesuchen und in Bildungseinrichtungen.

Technische Lösungen ergänzen dieses Angebot: Induktionsschleifen in öffentlichen Gebäuden, Untertitel bei Filmen und Sendungen, Schriftdolmetscherdienste bei Veranstaltungen und Lichtsignalanlagen, die akustische Signale in visuelle umwandeln. Eine wirklich inklusive Gesellschaft berücksichtigt die Bedürfnisse resthöriger Menschen in allen Lebensbereichen, von Bildung und Beruf bis zu Kultur und Freizeit.

Anlaufstellen und Ressourcen für resthörige Menschen in Deutschland

In Deutschland gibt es etwa 80.000 taube Menschen und rund 16 Millionen Schwerhörige. Etwa 140.000 von ihnen haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 und sind häufig auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen. Für diese Menschen gibt es verschiedene Unterstützungsangebote.

Selbsthilfeorganisationen wie der Deutsche Gehörlosen-Bund bieten Informationen, Beratung und Vernetzungsmöglichkeiten. Sie vertreten die Interessen tauber und hochgradig schwerhöriger Menschen und setzen sich für deren Rechte ein. Im Bildungsbereich gibt es Förderschulen mit dem Schwerpunkt Hören und Kommunikation sowie inklusive Schulen, die hörende und hörgeschädigte Kinder gemeinsam unterrichten.

Im Berufsleben helfen spezielle Kommunikationstechnik, barrierefreie Arbeitsplatzgestaltung und die Unterstützung durch Dolmetscher. Arbeitsagenturen und Integrationsämter bieten Beratung und finanzielle Förderung an. Die Forschung zu Hörhilfen und Hörrehabilitation schreitet außerdem stetig voran. Mit den richtigen Unterstützungsangeboten und einem wachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein für Inklusion können resthörige Menschen ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen.

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