Lautsprachunterstützende Gebärden (LUG)
Lautsprachunterstützende Gebärden (LUG) begleiten nur die Schlüsselwörter einer Aussage mit einer Gebärde. Sie sind kein eigenständiges Sprachsystem, sondern ein Hilfsmittel zur Kommunikationsunterstützung. Die Grammatik der Lautsprache bleibt dabei erhalten.
Definition
Bei LUG gebärdet man gleichzeitig mit dem Sprechen die wichtigsten Wörter einer Aussage. LUG gehört zur Unterstützten Kommunikation (UK) und nutzt in Deutschland vor allem das Vokabular der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Dabei ersetzen LUG die Lautsprache nicht. Sie begleiten und verstärken sie.
Ein wichtiges Merkmal: Die Hände sprechen immer parallel zum gesprochenen Wort. Für bedeutungsähnliche Wörter kann man dieselbe Gebärde verwenden – zum Beispiel für „schlafen“, „Bett“ und „müde“.
Abgrenzung zu DGS und LBG
Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine vollwertige, eigenständige Sprache mit eigener Grammatik. Sie ist seit 2001 gesetzlich anerkannt.
Die Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) begleiten jedes einzelne gesprochene Wort mit einer Gebärde. Man nennt das auch „gebärdetes Deutsch“. Für Artikel und Adverbien gibt es eigens entwickelte künstliche Gebärden.
LUG nehmen eine Mittelposition ein: Sie behalten die deutsche Grammatik bei, gebärden aber nur die Schlüsselwörter. Dadurch bleibt die natürliche Sprechgeschwindigkeit erhalten.
Wirkung auf das Sprachverständnis
Studien belegen, dass LUG das Sprachverständnis fördern. Besonders auf Wortebene und bei Sätzen mit zwei Informationen zeigt sich ein positiver Effekt. Dabei helfen nicht nur bildhafte, sondern auch abstrakte Gebärden. Sie lenken den Aufmerksamkeitsfokus des Kindes, auch ohne direkte Ähnlichkeit mit dem Gemeinten.
Außerdem aktiviert LUG zwei Sinneskanäle gleichzeitig: Hören und Sehen. Dadurch fällt das Lernen leichter und nachhaltiger aus. Dazu kommt, dass man beim simultanen Gebärden automatisch langsamer und in einfacheren Sätzen spricht.
Zielgruppen
LUG unterstützen Menschen, die Schwierigkeiten mit der Lautsprache haben oder Gesagtes nicht vollständig erfassen können. Typische Einsatzbereiche sind Kinder, die Wörter verstehen, aber noch nicht sprechen können, entwicklungsverzögerte Kinder, sehr schüchterne Kinder oder Kinder mit Migrationshintergrund sowie Menschen mit geistiger Behinderung oder Mehrfachbehinderung.
Auch bei Hörbehinderung kann LUG sinnvoll sein, allerdings setzt das eine gewisse Hörfähigkeit voraus.
Bedeutung für die kindliche Entwicklung
LUG erleichtern das Verstehen der Lautsprache und bieten gleichzeitig eine Möglichkeit, sich auch ohne Lautsprache auszudrücken. Dabei muss die Gebärde nicht perfekt sein.
Durch häufigere, erfolgreiche Kommunikationssituationen steigt die Motivation zur weiteren Kommunikation. Das hat positive Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung. Außerdem fördert das Nachahmen von Gebärden die Feinmotorik, die Hand-Augen-Koordination sowie die phonologische Bewusstheit und den Sprachrhythmus.
LUG und Inklusion
In Kindergärten und Kindertageseinrichtungen setzen immer mehr Fachkräfte LUG ein. Unter dem Inklusionsaspekt eignen sie sich besonders gut als Vorläufer lautsprachlicher Äußerungen und fördern den Lautspracherwerb. Zudem ermöglichen sie Teilhabe an der hörenden Welt, ohne die eigene Identität aufzugeben.
Einsatz im Alltag
Beim Einsatz von LUG gilt: Gebärden immer parallel zum gesprochenen Wort ausführen und konsequent bleiben. Regionale Unterschiede bei einzelnen Gebärden sind möglich, ähnlich wie bei Dialekten. LUG lassen sich an Volkshochschulen, Gebärdensprachschulen oder online erlernen.
Bei der Auswahl der Schlüsselwörter konzentriert man sich auf die inhaltlich wichtigsten Begriffe. Möchte man einem Kind zum Beispiel sagen, dass ihr jetzt gemeinsam esst, gebärdet man „wir“ und „essen“.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Eine Interventionsstudie mit 62 Kindern mit globaler Entwicklungsstörung zeigte, dass eine Anleitung der Eltern zum LUG-Einsatz positive Wirkungen hatte. Eine weitere Studie untersuchte den Einfluss von LUG auf das Sprachverständnis bei Kindern mit Intelligenzminderung. Alle Kinder profitierten – unabhängig von Grunderkrankung, Alter oder kognitiven Fähigkeiten. Als wichtigster Faktor erwies sich die Gebärdenerfahrung: Kinder mit Vorerfahrung profitierten am stärksten.
Fazit
LUG sind eine wertvolle Ergänzung im Kommunikationsalltag. Sie fördern das Sprachverständnis, unterstützen die Sprachentwicklung und helfen, Frustration zu vermeiden. Wer LUG einsetzen möchte, profitiert von professioneller Begleitung. Mit etwas Übung werden sie zu einem natürlichen Teil der Kommunikation.

