Als Muttersprache wird häufig die Sprache bezeichnet, die ein Mensch in seiner frühen Kindheit zuerst erwirbt. Der Begriff ist allerdings nicht eindeutig: Er kann auch die Sprache der Eltern oder die am besten beherrschte Sprache meinen. Wenn du jemanden nach seiner Muttersprache fragst, kann die Antwort deshalb mehrere Ebenen berühren. Es geht um frühe Kindheitserfahrungen, die Verständigung in der Familie oder eine besonders enge persönliche Verbindung zu einer Sprache. Für taube und schwerhörige Menschen ist dabei entscheidend, dass Sprache nicht auf Lautsprache beschränkt wird. Auch eine Gebärdensprache kann die erste Sprache eines Menschen sein und die Grundlage seiner alltäglichen Verständigung bilden.
Muttersprache und Erstsprache: Was ist der Unterschied?
Der Begriff Erstsprache beschreibt vor allem die Reihenfolge des Spracherwerbs. Er bezeichnet die Sprache oder die Sprachen, die ein Kind zuerst erwirbt, während Muttersprache im Alltag zusätzlich familiäre und emotionale Bedeutungen hat.
Das Wort Muttersprache bedeutet dabei nicht, dass ausschließlich die Mutter diese Sprache vermittelt. Für das Verständnis einer Sprachbiografie solltest du deshalb ebenso andere Bezugspersonen und das weitere sprachliche Umfeld berücksichtigen, statt aus der Bezeichnung eine bestimmte Familienkonstellation abzuleiten.
Außerdem muss die zuerst erworbene Sprache nicht dauerhaft die stärkste bleiben. Stell dir vor, du verwendest später im Beruf und in deinem Freundeskreis überwiegend eine andere Sprache: Dann können sich deine sprachlichen Schwerpunkte verschieben, ohne dass sich die Reihenfolge deines frühen Spracherwerbs verändert.
Wenn Genauigkeit wichtig ist, helfen deshalb konkrete Fragen. Welche Sprache hast du zuerst erworben? Welche nutzt du heute am häufigsten? In welcher Sprache fühlst du dich besonders zu Hause? Diese drei Fragen müssen nicht dieselbe Antwort ergeben.
Mit mehreren Sprachen aufwachsen: Mehrsprachigkeit verstehen
Ein Kind kann von Anfang an mehr als eine Sprache erwerben. Forschung zur Mehrsprachigkeit bei Kindern unterscheidet diesen gleichzeitigen Erwerb von einem aufeinanderfolgenden Spracherwerb, bei dem eine weitere Sprache später hinzukommt.
Du musst dich deshalb nicht grundsätzlich für eine einzige Muttersprache entscheiden. Wenn mehrere Sprachen die frühe Entwicklung geprägt haben, kann es genauer sein, von mehreren Erstsprachen zu sprechen und ihre jeweilige Bedeutung zu beschreiben.
Mehrsprachigkeit setzt außerdem nicht voraus, dass du in allen Sprachen jederzeit über denselben Wortschatz verfügst. Vielleicht kennst du Begriffe aus deinem Beruf vor allem in einer Sprache, während du Familiengeschichten oder bestimmte Alltagssituationen leichter in einer anderen beschreibst.
Auch das Wechseln oder Mischen von Sprachen ist für sich genommen kein Hinweis auf eine Sprachentwicklungsstörung. Entscheidend für eine fachliche Einschätzung ist die gesamte sprachliche Entwicklung, nicht die Erwartung, mehrsprachige Menschen müssten ihre Sprachen immer streng voneinander trennen.
Gebärdensprache als Muttersprache: Eine vollwertige Erstsprache
Eine Muttersprache muss nicht gesprochen oder gehört werden. Forschung zeigt, dass taube Kinder eine Gebärdensprache bei frühem Zugang ebenso natürlich erwerben können wie hörende Kinder eine Lautsprache.
Auch die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige, natürliche Sprache. Wenn ein Kind von Anfang an in einem zugänglichen DGS-Umfeld aufwächst, kann DGS zu seinen Erstsprachen gehören. Dabei solltest du eine natürliche Gebärdensprache nicht mit einer Sammlung einzelner unterstützender Zeichen gleichsetzen. Es geht um eine Sprache, mit der sich nicht nur Gegenstände benennen, sondern auch Zusammenhänge erklären, Geschichten erzählen und unterschiedliche Perspektiven ausdrücken lassen.
Für die Einordnung als Erstsprache ist also nicht entscheidend, ob Hände oder Stimme eingesetzt werden. Entscheidend ist, welche Sprache dem Kind tatsächlich zugänglich ist und in welcher es von Beginn an reichhaltige sprachliche Interaktion erlebt.
Taube Kinder in hörenden Familien: Sprachzugang von Anfang an
Die Sprache der Eltern ist nicht automatisch die Sprache, die ihr Kind uneingeschränkt wahrnehmen und erwerben kann. Bei einem tauben oder schwerhörigen Kind solltest du deshalb zwischen der Sprache seiner Umgebung und seinem tatsächlichen Zugang zu dieser Sprache unterscheiden.
Die World Federation of the Deaf fordert deshalb frühzeitige Unterstützung für Familien beim Gebärdenspracherwerb und den Zugang zu tauben Fachkräften und Sprachvorbildern. Familien müssen die nötigen Informationen und Lernmöglichkeiten erhalten, damit sie diese Aufgabe nicht allein bewältigen müssen.
Für hörende Eltern bedeutet das nicht, bereits alles können zu müssen, bevor die Kommunikation beginnt. Sinnvoll ist, früh mit dem Lernen anzufangen und zusätzlich Menschen einzubeziehen, die dem Kind eine kompetente, lebendige Gebärdensprache anbieten können.
Die Frage nach der Muttersprache lässt sich deshalb nicht allein anhand der Hörfähigkeit oder der Sprache der Eltern beantworten. Maßgeblich ist die individuelle Sprachbiografie: Welche Sprachen waren wann zugänglich, wie wurden sie erworben und welche Rolle spielen sie heute?
Muttersprache bei hörenden Kindern tauber Eltern: Die Coda-Perspektive
Gebärdensprache als Muttersprache ist nicht auf taube Menschen beschränkt. Ein hörendes Kind, das von Anfang an mit einer Gebärdensprache aufwächst, kann sie ebenfalls als Erstsprache erwerben und daneben eine Lautsprache kennenlernen.
Hörende Kinder tauber Eltern werden als Coda bezeichnet, abgeleitet von Children of Deaf Adults. Die Kommunikationsformen dieser Familien sind dabei sehr unterschiedlich: Manche nutzen vor allem Gebärdensprache, andere Lautsprache oder eine Verbindung verschiedener Formen.
Die Bezeichnung Coda sagt deshalb allein noch nicht, welche Sprache eine Person zuerst erworben hat oder wie sicher sie heute gebärdet. Für eine treffende Beschreibung musst du auch hier die tatsächlichen Erfahrungen der jeweiligen Person berücksichtigen.
Wenn Gebärdensprache und Lautsprache gemeinsam zum sprachlichen Alltag gehören, lässt sich daran besonders gut erkennen, dass Mehrsprachigkeit auch verschiedene Ausdrucksmodalitäten umfassen kann. Hörfähigkeit entscheidet nicht darüber, welche Sprache zu einem Menschen gehören darf.
Früher Spracherwerb und sprachliche Deprivation: Warum Zeit zählt
Beim Erstspracherwerb ist früher Zugang besonders bedeutsam. Forschung verdeutlicht, warum der verspätete Erwerb einer ersten Sprache nicht mit dem späteren Lernen einer zusätzlichen Sprache gleichgesetzt werden sollte. Wer bereits eine zugängliche Erstsprache erworben hat, bringt andere Voraussetzungen für weiteres Sprachenlernen mit als jemand, dem dieser frühe Zugang gefehlt hat.
Forschung zu sprachlicher Deprivation beschreibt Risiken, die entstehen, wenn eine zugängliche Erstsprache in der frühen Entwicklung fehlt oder stark verspätet verfügbar wird. Auch Hörgeräte oder Cochlea-Implantate garantieren demnach nicht bei jedem Kind einen rechtzeitigen und ausreichenden Zugang zu Lautsprache.
Für die Begleitung eines Kindes sollte deshalb nicht nur zählen, welche Sprache es möglicherweise später nutzen könnte. Frage ebenso, welche Sprache es jetzt zuverlässig verstehen und selbst verwenden kann, und lass Unsicherheiten frühzeitig durch qualifizierte Fachkräfte einschätzen.
Muttersprache und persönliche Identität: Mehr als Chronologie
Muttersprache kann neben der Erwerbsgeschichte auch Zugehörigkeit ausdrücken. Dabei müssen zuerst erworbene Sprache, Identifikation, Sprachkompetenz und häufigste Verwendung nicht zusammenfallen.
Damit lässt sich auch verstehen, warum jemand eine erst später erworbene Gebärdensprache als seine sprachliche Heimat erleben kann. Eine solche persönliche Verbindung macht diese Sprache nicht rückwirkend zur chronologisch zuerst erworbenen, kann aber für die eigene Selbstbeschreibung entscheidend sein.
Wenn du mit Menschen über ihre Muttersprache sprichst, lohnt es sich deshalb zuzuhören, statt ihre Antwort vorschnell zu korrigieren. Du kannst nachfragen, ob sie damit ihre Erstsprache, ihre wichtigste Alltagssprache oder eine besondere kulturelle Verbindung meinen. Die fachliche Unterscheidung soll persönliche Erfahrungen verständlicher machen, nicht darüber entscheiden, wer zu einer Sprachgemeinschaft gehört.
Lernen in einer zugänglichen Sprache: Bildung und Muttersprache
Die Bedeutung der Muttersprache endet nicht an der Schultür. Die UNESCO betont, dass mehrsprachige Bildung auf Sprachen aufbauen sollte, die Lernende verstehen, und hebt die Bedeutung vertrauter Sprachen für Verstehen und Lernen hervor.
Stell dir vor, du sollst einen neuen naturwissenschaftlichen Zusammenhang erfassen, während dir zugleich wesentliche Teile der Unterrichtssprache unzugänglich bleiben. Dann musst du nicht nur den Fachinhalt erschließen, sondern zusätzlich die sprachliche Barriere überwinden. Das ist eine doppelte Belastung, die sich mit einem zugänglichen Sprachumfeld verhindern lässt.
Für die Gestaltung von Bildung stellt sich deshalb eine praktische Frage: Können die Lernenden Erklärungen nachvollziehen, Rückfragen stellen und eigene Gedanken entwickeln? Bei einem gebärdensprachlich aufwachsenden Kind sollte die vorhandene Gebärdensprachkompetenz dabei als Ausgangspunkt und nicht als Hindernis betrachtet werden. Deutsch bleibt als weitere Sprache und besonders für den Zugang zu schriftlichen Informationen bedeutsam. Ein sinnvoller Bildungsansatz erweitert diese Möglichkeiten, ohne dafür die bereits verfügbare Sprache des Kindes abzuwerten.
Muttersprache im Familienalltag unterstützen: Praktische Hinweise
Wenn du die sprachliche Entwicklung eines Kindes begleitest, beginne mit gemeinsamem Austausch statt mit dem Abfragen einzelner Wörter oder Gebärden. Erzählt euch von Erlebnissen, betrachtet Bilderbücher, besprecht Gefühle und gib dem Kind Gelegenheit, selbst Fragen und Themen einzubringen.
Achte dabei darauf, dass Kommunikation für das Kind tatsächlich zugänglich ist. Eine gut gemeinte Erklärung hilft wenig, wenn es sie nur teilweise wahrnehmen kann. Suche deshalb gemeinsam mit qualifizierten Fachpersonen nach passenden sprachlichen Bedingungen.
Bei Gebärdensprache kannst du bewusst für Blickkontakt, gute Sicht und genügend Zeit zum wechselseitigen Austausch sorgen. Ergänze das eigene Lernen außerdem durch regelmäßige Begegnungen mit kompetenten Gebärdensprachnutzenden, damit das Kind vielfältige sprachliche Vorbilder erlebt.
Vermeide es, eine Sprache gegen die andere auszuspielen. Frage lieber, welche Möglichkeiten dem Kind in jeder Sprache offenstehen und wie Familie, Kita, Schule und Sprachgemeinschaft gemeinsam dazu beitragen können, diese Möglichkeiten zu erweitern.
Fazit: Sprachbiografien ernst nehmen
Muttersprache ist ein vertrauter Begriff, hinter dem sehr unterschiedliche Erfahrungen stehen können. Er kann eine oder mehrere früh erworbene Sprachen bezeichnen, wird aber auch für sprachliche Zugehörigkeit und die persönlich wichtigste Sprache verwendet.
Wenn du über Muttersprache sprichst, solltest du Gebärdensprachen selbstverständlich mitdenken und individuelle Sprachbiografien ernst nehmen. Im Mittelpunkt steht nicht die Erwartung einer einzigen richtigen Sprache, sondern ein früher, verlässlicher und reichhaltiger Zugang zu Sprache und Austausch.

